Michael B. Hardt

Designzukunft – was nicht im Buch steht (aus dem Nähkästchen geplaudert).

Der Unterschied im Life Style zwischen uns beiden Autoren könnte nicht größer sein: Joachim Kobuss, der Urbane, immer elegant gekleidet, Typ Gentleman. Er lebt so mitten in Berlin (3400 Einwohner pro Quadratkilometer), wie es »mittener« nicht gehtmit Blick auf‘s Brandenburger Tor in der Nähe des Potsdamer Platzes. Der nächste Nachbar lebt 12 Meter weiter.
 
Ich, Michael B. Hardt, der Naturmensch, meist in Outdoor Klamotten, Typ Waldschrat. Lebe in einem verlassenen Waldbauerndorf in Nordschweden, mittendrin in einem Wald von der Größe des Landes Luxemburg. 1,5 Einwohner pro Quadratkilometer, der nächste Nachbar lebt 12 Kilometer weiter.
 
Wir beide sind durchaus streitbare Geister, sture Dickköpfe, manchmal zickig wie Divas. Unser geduldiger Verlags-Cheflektor bei Birkhäuser, Dr. Robert Steiger, wird dies bestätigen. Man könnte nun vermuten, dass bei diesen Eigenschaften und Unterschieden das gemeinsame Verfassen eines Buches ein konfliktreiches Unterfangen gewesen wäre – aber das genaue Gegenteil war der Fall. Joachim schrieb im Trubel einer Großstadt, ich in der Abgeschiedenheit der schwedischen Wildnis und wir beide empfanden den Prozess durchweg als harmonisch, streckenweise begeisternd. Gudrun Martens-­Gottschall, unsere beiderseits sehr geschätzte Lektorin, erlebte uns dagegen nicht selten von unserer fiesesten Seite. Hatte sie auch nur im Ansatz eine kritische Bemerkung über eine Formulierung des Einen, fühlte sich der jeweilige Koautor genötigt, seinen Partner vehement zu verteidigen.
 
Bis auf einen Fall gelang es Gudrun aber mit Grandezza, die strittigen Fragen zu klären: Ich, der ich gerne zu sehr drastischen Bildern greife, kritisierte in Kapitel 15 auf Seite 213 die Unart der Hochschuladministrationen, die Quantität der produzierten Studienpunkte wichtiger zu sehen, als die Qualität der Absolventen. »Die Reduktion von Menschen auf Quoten und Zahlen«, so führte ich aus, »wäre in ihrer Perversion dazu geeignet, Vernichtungslager zu führenDiesen Vergleich fand Gudrun in sich pervers und eine ehrenrührige und rechtlich nicht tolerable Verunglimpfung der Hochschuladministration. Joachim meinte aber, man solle durchaus mal Tacheles reden, außerdem würden ja keine Personen direkt angegriffen, sondern es würde lediglich darauf aufmerksam gemacht, dass diese Unart menschenverachtend sei. Die Geschichte habe gezeigt, was passieren kann, wenn aus Menschen Nummern gemacht werden. Alexander Bretz, unser juristisch geschultes Gewissen und der Meister der diplomatischen Formulierungen, schüttelte sein weises Haupt und gab Gudrun Recht. Die Diskussion war kurz davor, zu eskalieren. Wir Autoren gegen den Rest der Welt lehnten Gudrun‘s zahlreiche Formulierungsvorschläge ab, Gudrun wies unsere Alternativen zurück. Alexander schüttelte weiter sein weises Haupt.
 
Wenn Sie wissen wollen, wie der Streit am Ende ausging, besorgen Sie sich das Buch und schlagen Seite 213 auf. Sie werden erkennen, wie hervorragend unsere Lektorin Gudrun ist, wie weise unser juristisches Gewissen Alexander entschieden hat, wie diplomatisch ich der undiplomatische Michael sein kann und wie gentlemanlike Joachim mit seinen Partnern umgeht.
 
© Prof. Michael B. Hardt · Feburar 2012